Geld für Lyrik

500 Euro für ein Gedicht. Wo gibt es sowas? Bei Jokers. Und das nicht nur einmal.  Jokers veranstaltet einen Lyrikwettbewerb, bei dem es zehn mal 500 Euro zu gewinnen gibt. Doch bevor hier jemand glasige Augen bekommt vor Gier: Jeder darf nur ein Gedicht einschicken. Ansonsten sind die Bedingungen human: Kein Thema ist vorgegeben und das Gedicht darf lediglich noch nicht in einem Buch erschienen sein. Im Internet bereits veröffentlichte Gedichte sind also kein Problem. Allerdings behält sich Jokers vor, die teilnehmenden Gedichte in die eigene öffentliche Lyrikdatenbank zu übernehmen. Einsendeschluss ist der 31. März.

Wer sich für solche Wettbewerbe interessiert, findet bei Sandra Uschtrin eine Liste, die gepflegt wird (aktuelle Wettbewerbe sind mit einem roten Punkt gekennzeichnet). Jedoch habe ich dort keine gleichermaßen lukrative Veranstaltung gefunden.

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Das Problem mit dem Urheberrecht

In letzter Zeit häufen sich in Blogs Beiträge zum Thema Urheberrecht, wenn ich dem Blogaggreagator rivva.de glauben darf. Durch diese ACTA-Geschichte hat das Ganze noch mal an Fahrt gewonnen.

Wenn ich mir meinen Bereich, also die Lyrik angucke, ist die Sache eigentlich ganz einfach: Ist ein Dichter mindestens 70 Jahre tot, kann ich seine Gedichte bringen, ansonsten muss ich vorher fragen.  Was ich bei Dichtern, die bei Verlagen untergekommen sind, nicht tue, sondern gleich auf die Veröffentlichung verzichte, weil mir die Erfolgsaussichten zu gering erscheinen. Bei Leuten, die im Netz veröffentlichen, ist das in der Regel schnell abgehandelt. Die sind zum Teil glücklich, dass sie überhaupt mal gefragt werden. Denn in der Regel werden Gedichte einfach so kopiert und auf andere Seiten gesetzt.

Und diese Regel möchten einige Leute anscheinend gesetzlich verankert haben, damit ihnen keine bösen Urheber auf die Pelle rücken können. Das Hauptargument dabei ist, dass die Herren Dichter ja aus der Kultur schöpfen, auf den Schultern der berühmten Riesen stehen und es daher anderen nicht verwehren sollten, an der Früchte der Kultur teilzuhaben.  Der Witz dabei ist, dass bei allen Dingen, auch den materiellen, die produziert werden, die Produktionsverfahren ja nicht neu erfunden worden sind, sondern dass auch diese auf den Vorarbeiten vergangener Generationen beruhen.

Doch dann kommt immer noch das Kostenargument: Die Herstellung von materiellen Dingen kostet Geld, also kann man das nicht mit immatieriellen Gütern vergleichen.  Texte werden heute auch nicht mehr mit Papier und Bleistift produziert. Der ganze Schöpfungsprozess ist mit Kosten verbunden und sei es nur mit den Kosten, den Produzierenden mit Lebensmitteln zu erhalten. Und letztlich gibt’s auch noch das schöne Opportunitätskostenkonzept, was besagt, dass ein Dichter in der Zeit, in der er dichtet, ja auch Geld hätte verdienen können, z.B. als Banker, indem er Dinge verkauft, die nicht existieren und wenn’s schief geht, zu Papa Staat rennt.

Mir kommt die Diskussion zum größten Teil ziemlich verlogen vor.  Es ist halt zu einfach zu kopieren und zu veröffentlichen, fragen ist unbequem, und da wir uns im Zeitalter den Habenmüssens befinden, will da auch keiner mehr für grade stehen.


Busch einmal anders

Der Wilhelm war ein ewiger Spötter, könnte man glauben, wenn man seine Bildergeschichten und Gedichte liest. Und doch, auch Wilhelm Busch hatte unter der harten Schale eine weiche Stelle und offenbarte diese im letzten Gedicht seiner Lyriksammlung „Kritik des Herzens“:

O du, die mir die Liebste war,
Du schläfst nun schon so manches Jahr.
So manches Jahr, da ich allein,
Du gutes Herz, gedenk ich dein.
Gedenk ich dein, von Nacht umhüllt,
So tritt zu mir dein treues Bild.
Dein treues Bild, was ich auch tu,
Es winkt mir ab, es winkt mir zu.
Und scheint mein Wort dir gar zu kühn,
Nicht gut mein Tun,
Du hast mir einst so oft verziehn,
Verzeih auch nun.


Glotzenlyrik

Fernsehen steht nicht gerade im Ruf, Kreativität anzuregen, sondern den Geist einzulullen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass es relativ wenig Gedichte über das Fernsehen gibt, obwohl es das dominante Medium dieser Zeit ist. Hans Retep, der bekennenderweise keinen Fernseher besitzt, hat sich daher geopfert, ein paar Gedichte übers Fernsehen zu schreiben. Die Palette reicht von einem spöttischen Loblied auf den Fernseher bis zu ziemlich schwarzem Humor.


Neujahrsgedicht

Ehrensache, dass zum neuen Jahr ein Neujahrsgedicht her muss. Beim Stöbern in den Neujahrsgedichten von ‚Gedichte für alle Fälle‘ ist mir das folgende, sehr altmodische Gedicht aufgefallen:

Karl Henckell (1864-1929):  Mein Neujahrswunsch

Was ich erwünsche vom neuen Jahre?
Dass ich die Wurzel der Kraft mir wahre,
Festzustehen im Grund der Erden,
Nicht zu lockern und morsch zu werden,
Mit den frisch ergrünenden Blättern
Wieder zu trotzen Wind und Wettern,
Mag es ächzen und mag es krachen,
Stark zu rauschen, ruhig zu lachen,
So in Regen wie Sonnenschein
Freunden ein Baum des Lebens zu sein.

Ist mal etwas Anderes als das übliche Glückwünschen. Es strotzt zwar in gewissem Sinne vor guten Vorsätzen, aber nicht, um für sich selber ein besseres Leben zu haben, sondern um „Freunden ein Baum des Lebens zu sein“.  Das ist ein Ansatz, der scheint’s verloren gegangen ist. Doch nicht ganz: Immerhin platziert sich der Text auf Platz 7 von knapp 40 Neujahrsgedichten, wenn man die Texte nach Beliebtheit sortieren lässt. Das gibt Anlass zur Hoffnung auf ein besseres Jahr 2012!


Wintergedichte

Langsam wird es Zeit sich in Wintergedichte einzulesen. Kalt genug ist es dafür.  Beim Herumschnüffeln, wo man gute Wintergedichte herbekommt, bin ich auf eine Seite gestoßen, die sich das Herumschnüffeln anscheinend zur Aufgabe gemacht: www.haikuhaiku.de

„HaikuHaiku ist ein Stichwortkatalog, der zu ausgewählten Begriffen redaktionell recherchierte und kommentierte Links anbietet“, heißt es dort. Mit dabei sind viele Gedichtthemen, u.a. auch Wintergedichte. Dass da jemand von Hand sortiert hat, kann man an der Auswahl erkennen. Neben Sammlungen von Wintergedichten ist eine Seite mit Gedichten zum Anhören und eine Seite für Kinder dabei.  Eine Zusammenstellung, die  man so nicht direkt von Google serviert bekäme.

Zum Schluss noch mein Favorit unter den Wintergedichten, obwohl ich den Verdacht hab, dass es in diesem Gedicht um viel mehr als nur um den Winter geht:

Gottfried Keller: Winternacht

Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,
Still und blendend lag der weiße Schnee.
Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt,
Keine Welle schlug im starren See.

Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf,
Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;
An den Ästen klomm die Nix herauf,
Schaute durch das grüne Eis empor.

Auf dem dünnen Glase stand ich da,
Das die schwarze Tiefe von mir schied;
Dicht ich unter meinen Füßen sah
Ihre weiße Schönheit Glied um Glied.

Mit ersticktem Jammer tastet’ sie
An der harten Decke her und hin.
Ich vergess’ das dunkle Antlitz nie,
Immer, immer liegt es mir im Sinn!


Ernst Tollers Schwalbenbuch

Anfang Dezember ist nicht nur die Zeit des besinnungslosen Einkaufsrauschs, sondern auch Zeit für ein gutes Buch, für Trost und neuen Schwung.  Dafür möchte ich einen „alten Schinken“ empfehlen: Ernst Tollers Schwalbenbuch. Das Buch aus dem Jahr 1923 erzählt in Gedichten eine wunderbare Geschichte über ein Schwalbenpaar, das in einer Gefängniszelle nistet.  Die Geschichte beruht auf einem Erlebnis Ernst Tollers während seiner Festungshaft.

Zu Beginn präsentiert sich der Gefangene in Depression und Todesehnsucht:

O dumpfer Sang unendlicher Monotonie!
O ewiges Einerlei farblos zerrinnender Tage!
Immer
Wird ein Tag sein
Wie der letzte,
Wie der nächste,
Immer.

Doch dann geschieht das Wunder und von ganz tief unten schnellt die Stimmung in den Himmel hinauf:

Tanze meine atmende Brust,
Tanzet Ihr wunden geketteten Augen,
Tanzet! Tanzet!
Nur im Tanze brecht Ihr die Fessel,
Nur im Tanze umrauscht Ihr die Sterne,
Nur im Tanze ruht ihr im Göttlichen,
Tanzet! Tanzet!

Im weiteren Verlauf erzählt Toller, wie die Schwalben ihr Nest bauen, brüten und ihren Nachwuchs großziehen. Und in diesem einfachen Spiel der Natur entdeckt er das Leben wieder.

Ich meine, die Herausgeber versprechen nicht zu viel, wenn sie von einem Leseerlebnis schwärmen. Manches erscheint dem heutigen Leser vielleicht zu dick aufgetragen, aber darüber sieht man gerne hinweg, weil die Geschichte so einzigartig und menschlich berührend ist.  Das Buch ist komplett auf der Website mit zusätzlichen Materialien zu lesen und auch in gedruckter Form erhältlich.