Doch

Und dräut der Winter noch so sehr
 Mit trotzigen Gebärden,
 Und streut er Eis und Schnee umher,
 Es muss d o c h Frühling werden.

Diese Strophe aus Emanuel Geibels Gedicht Hoffnung geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Das Gedicht steht an der Spitze einer kleinen Sammlung von Gedichten zum Frühlung, die teilweise sogar mit Interpretationen versehen sind. Und brauchen kann man es zur Zeit gut, da der Winter den Frühling noch mal vom Stuhl geschubst hat.

Gleichzeitig kommt mir in den Sinn, dass sicher kaum noch jemand den Namen Emanuel Geibel kennt. Gut, Wikipedia hat ihn natürlich in ihrer Sammlung, aber heute kann man sich kaum noch vorstellen, dass der Mann mal so etwas wie ein Literaturstar war. „Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus …“ dürfte wahrscheinlich die einzige Zeile sein, die noch im Gedächtnis ist, wobei man das wohl eher für ein Volkslied von einem unbekannten Verfasser hält.

Oft genug ist in Gedichten von Vergänglichkeit die Rede und Gedichte schreiben ist so etwas wie der Versuch, dieser Vergänglichkeit zu entkommen, und doch: Selbst Dichter, die zu ihren Lebzeiten hoch geehrt wurden, werden ganz schnell wieder vergessen. Ihr Werk reduziert sich in der literarischen Erinnerung auf wenige Texte. Vielleicht erinnert man sich bei Emanuel Geibel irgendwann nur noch an dieses „doch“ in der vierten Zeile. Eigentlich dazu verdammt wegen des Metrums in einer Senkung zu verschwinden, hebt es sich himmelhochjauchzend über die Hebungen dieser Zeile, ja über alle Hebungen der Strophe hinweg. Dieses „doch“ nimmt niemand mehr fort, nicht der Winter, nicht die Nachwelt. Es ist dieser winzige Funken Unsterblichkeit, dem Dichter nachjagen. Oft vergeblich, oft doch vergänglich, aber immer mit der Hoffnung „Es muss d o c h …“.

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