Zur Erholung

Manchmal wird einem alles zu viel. Dies Gehetze und Gerenne, das Hoffen und Bangen, die Schmerzen und Widerstände. Dann ist es gut ein altes Gedicht zur Hand zu haben, das den Geist erholt. Zu diesem Behufe eine Ausgrabung aus dem Werk von Otto Julius Bierbaum (1865-1910):

Alter Glückszettel

Zwischen Hetzen und Hasten,
In Lärmen und Lasten,
Von Zeit zu Zeit
Mag gerne ich rasten
In Nachdenklichkeit.
Fliege, mein Denken, zurück, zurück,
Suche, suche: in heimlichen Ecken
Dämmerbrauner Vergangenheit
Mag wohl von verklungenem Glück
Blinkend ein Blättchen stecken…
Und ich suche in meinem Andenkenkasten.
Zwischen Bändern und Briefen,
Die lange schliefen,
Aus trockenen Blumen und blassen Schleifen
Will ich mir was Liebes greifen.
Da fand einen Zettel ich, bleistiftbeschrieben,
Der hat mir die Wärme ins Herz getrieben.
Was stand denn da?
Von meiner Hand:
„I mag Di gern leid’n. Du: Magst Du mi aa?‘,
In schmächtigen Zügen darunter stand:
„Ja.“

In Lärm und Last,
In zager Zeit
War mir ein Gast
Aus Glückseligkeit
Dies kleine „Ja“ der Vergangenheit.

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