Busch einmal anders

Der Wilhelm war ein ewiger Spötter, könnte man glauben, wenn man seine Bildergeschichten und Gedichte liest. Und doch, auch Wilhelm Busch hatte unter der harten Schale eine weiche Stelle und offenbarte diese im letzten Gedicht seiner Lyriksammlung „Kritik des Herzens“:

O du, die mir die Liebste war,
Du schläfst nun schon so manches Jahr.
So manches Jahr, da ich allein,
Du gutes Herz, gedenk ich dein.
Gedenk ich dein, von Nacht umhüllt,
So tritt zu mir dein treues Bild.
Dein treues Bild, was ich auch tu,
Es winkt mir ab, es winkt mir zu.
Und scheint mein Wort dir gar zu kühn,
Nicht gut mein Tun,
Du hast mir einst so oft verziehn,
Verzeih auch nun.

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Glotzenlyrik

Fernsehen steht nicht gerade im Ruf, Kreativität anzuregen, sondern den Geist einzulullen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass es relativ wenig Gedichte über das Fernsehen gibt, obwohl es das dominante Medium dieser Zeit ist. Hans Retep, der bekennenderweise keinen Fernseher besitzt, hat sich daher geopfert, ein paar Gedichte übers Fernsehen zu schreiben. Die Palette reicht von einem spöttischen Loblied auf den Fernseher bis zu ziemlich schwarzem Humor.


Neujahrsgedicht

Ehrensache, dass zum neuen Jahr ein Neujahrsgedicht her muss. Beim Stöbern in den Neujahrsgedichten von ‚Gedichte für alle Fälle‘ ist mir das folgende, sehr altmodische Gedicht aufgefallen:

Karl Henckell (1864-1929):  Mein Neujahrswunsch

Was ich erwünsche vom neuen Jahre?
Dass ich die Wurzel der Kraft mir wahre,
Festzustehen im Grund der Erden,
Nicht zu lockern und morsch zu werden,
Mit den frisch ergrünenden Blättern
Wieder zu trotzen Wind und Wettern,
Mag es ächzen und mag es krachen,
Stark zu rauschen, ruhig zu lachen,
So in Regen wie Sonnenschein
Freunden ein Baum des Lebens zu sein.

Ist mal etwas Anderes als das übliche Glückwünschen. Es strotzt zwar in gewissem Sinne vor guten Vorsätzen, aber nicht, um für sich selber ein besseres Leben zu haben, sondern um „Freunden ein Baum des Lebens zu sein“.  Das ist ein Ansatz, der scheint’s verloren gegangen ist. Doch nicht ganz: Immerhin platziert sich der Text auf Platz 7 von knapp 40 Neujahrsgedichten, wenn man die Texte nach Beliebtheit sortieren lässt. Das gibt Anlass zur Hoffnung auf ein besseres Jahr 2012!