Wintergedichte

Langsam wird es Zeit sich in Wintergedichte einzulesen. Kalt genug ist es dafür.  Beim Herumschnüffeln, wo man gute Wintergedichte herbekommt, bin ich auf eine Seite gestoßen, die sich das Herumschnüffeln anscheinend zur Aufgabe gemacht: www.haikuhaiku.de

„HaikuHaiku ist ein Stichwortkatalog, der zu ausgewählten Begriffen redaktionell recherchierte und kommentierte Links anbietet“, heißt es dort. Mit dabei sind viele Gedichtthemen, u.a. auch Wintergedichte. Dass da jemand von Hand sortiert hat, kann man an der Auswahl erkennen. Neben Sammlungen von Wintergedichten ist eine Seite mit Gedichten zum Anhören und eine Seite für Kinder dabei.  Eine Zusammenstellung, die  man so nicht direkt von Google serviert bekäme.

Zum Schluss noch mein Favorit unter den Wintergedichten, obwohl ich den Verdacht hab, dass es in diesem Gedicht um viel mehr als nur um den Winter geht:

Gottfried Keller: Winternacht

Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,
Still und blendend lag der weiße Schnee.
Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt,
Keine Welle schlug im starren See.

Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf,
Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;
An den Ästen klomm die Nix herauf,
Schaute durch das grüne Eis empor.

Auf dem dünnen Glase stand ich da,
Das die schwarze Tiefe von mir schied;
Dicht ich unter meinen Füßen sah
Ihre weiße Schönheit Glied um Glied.

Mit ersticktem Jammer tastet’ sie
An der harten Decke her und hin.
Ich vergess’ das dunkle Antlitz nie,
Immer, immer liegt es mir im Sinn!


Ernst Tollers Schwalbenbuch

Anfang Dezember ist nicht nur die Zeit des besinnungslosen Einkaufsrauschs, sondern auch Zeit für ein gutes Buch, für Trost und neuen Schwung.  Dafür möchte ich einen „alten Schinken“ empfehlen: Ernst Tollers Schwalbenbuch. Das Buch aus dem Jahr 1923 erzählt in Gedichten eine wunderbare Geschichte über ein Schwalbenpaar, das in einer Gefängniszelle nistet.  Die Geschichte beruht auf einem Erlebnis Ernst Tollers während seiner Festungshaft.

Zu Beginn präsentiert sich der Gefangene in Depression und Todesehnsucht:

O dumpfer Sang unendlicher Monotonie!
O ewiges Einerlei farblos zerrinnender Tage!
Immer
Wird ein Tag sein
Wie der letzte,
Wie der nächste,
Immer.

Doch dann geschieht das Wunder und von ganz tief unten schnellt die Stimmung in den Himmel hinauf:

Tanze meine atmende Brust,
Tanzet Ihr wunden geketteten Augen,
Tanzet! Tanzet!
Nur im Tanze brecht Ihr die Fessel,
Nur im Tanze umrauscht Ihr die Sterne,
Nur im Tanze ruht ihr im Göttlichen,
Tanzet! Tanzet!

Im weiteren Verlauf erzählt Toller, wie die Schwalben ihr Nest bauen, brüten und ihren Nachwuchs großziehen. Und in diesem einfachen Spiel der Natur entdeckt er das Leben wieder.

Ich meine, die Herausgeber versprechen nicht zu viel, wenn sie von einem Leseerlebnis schwärmen. Manches erscheint dem heutigen Leser vielleicht zu dick aufgetragen, aber darüber sieht man gerne hinweg, weil die Geschichte so einzigartig und menschlich berührend ist.  Das Buch ist komplett auf der Website mit zusätzlichen Materialien zu lesen und auch in gedruckter Form erhältlich.