Gar nicht so einfach: Adventsgedichte

Ein Kind – von einem Schiefertafel-Schwämmchen
Umhüpft – rennt froh durch mein Gemüt.
Bald ist es Weihnacht! …
(Joachim Ringelnatz)

Sonntag ist der erste Advent. Da ziemt es sich für einen Gedichteleser zur Einstimmung Adventsgedichte zu lesen. Also Google anwerfen und siehe da: Google hat Probleme.  Die erste brauchbare Website kommt auf Platz 5. Davor: Dünne Suppe, urheberrechtlich geschützes Material oder Werbung. Ein Hit auf fast allen Seiten: Matthias Claudius Gedicht „Immer ein Lichtlein mehr …“. Der Haken ist bloß: In der vollständigen Gesamtausgabe der Werke von Matthias Claudius existiert dieses Gedicht nicht.  Die Wikipedia nennt einen Urenkel Hermann Claudius als Dichter, doch in der Freiburger Anthologie verläuft eine Suche nach einer Bestätigung dafür ins Leere.

Bleiben schließlich drei tadellose Seiten zu Adventsgedichten übrig:

Gedichte für alle Fälle mit etwa 15 Texten, die Deutsche Gedichtebibliothek mit etwa 20 und Weihnachtsmann.net mit einem guten Dutzend.


Kartengedichte

Wer wie ich bildnerisch nicht so begabt ist, aber trotzdem Gedichte mit passendem Gedöns verschicken möchte, kann auf Grußkarten zurückgreifen. Ein Angebot findet sich etwas versteckt als Motiv „Gedicht“ in der Grußkartensammlung Gruß an dich: Über 40 Karten mit meistenteils Vierzeilern, etwa die Hälfte davon auch zum Ausdrucken. Wobei es sogar noch besser geht. Man ist nicht auf die vorgefertigten Karten angewiesen, sondern kann Bildmotive selbst betexten. Eine Sprüchesammlung, womit eigentlich Kurzgedichte gemeint sind, steht zur Erinnerung für die verschiedenen Anlässe auch parat. Insgesamt ein sehr dichterfreundliches Angebot.


Kriegsgedichte

Morgen ist Volkstrauertag, Zeit sich mal wieder an die Sinnlosigkeit und das Grauen des Krieges zu erinnern.  Etwa 30 (Anti-)Kriegsgedichte hält ‚Gedichte für alle Fälle bereit‘.  Eines davon  bring ich hier mit Zustimmung des Dichters:

Hans-Peter Kraus – Ein Soldat stirbt nicht

Ein Soldat stirbt nicht,
er wird nicht vergast, nicht verbrannt und nicht zermatscht.

Er krepiert nicht mit herausquellenden Augen und
weitaufgerissenem Maul nach Luft saugend.
Er endet nicht tierisch schreiend und
sich epileptisch am Boden wälzend als lebende Fackel.
Er versucht nicht, schwerverletzt und panisch robbend
den alles zermalmenden Panzerketten zu entkommen.

Ein Soldat hat keine Angst, keine Schmerzen.
Ein Soldat stirbt nicht,
er fällt.

Original-Quelle: www.ziemlichkraus.de/gedichte/soldat.htm


Remember, remember …

Der Guy Fawkes-Hit in der Version von V for Vendetta ist heute mal wieder in aller Munde:

Remember, remember
the fifth of November
gunpowder treason and plot.
I know of no reason
why gunpowder treason
should ever be forgot.

Darauf gibt es eine weniger bekannte Parodie zu Silvester von Hans Retep:

Silvester, Silvester
Lass knallen mein Bester
Hinaus mit dem alten Jahr
Und hast du noch Fragen
Hör auf dich zu plagen
Das neue wird wunderbar

(Quelle: www.hans-retep-gedichte.de)

Erinnert mich irgendwie an alte Zeiten, als „Let your love flow“ zu „Ein Bett im Kornfeld“ oder „The Night They Drove Old Dixie Down“ zu „Am Tag, als Conny Kramer starb“ wurde.