Halloween-Gedicht

Um mit der Zeit zu gehen, muss man manchmal ziemlich weit zurücklaufen, in diesem Fall weit mehr als hundert Jahre. Gottfried Keller (1819-1890) hat meiner Meinung nach das perfekte Halloween-Gedicht geschrieben:

Ich fürchte’ nit Gespenster …

Ich fürcht’ nit Gespenster,
Keine Hexen und Feen,
Und lieb’s, in ihre tiefen
Glühaugen zu seh’n.

Am Wald in dem grünen
Unheimlichen See,
Da wohnet ein Nachtweib,
Das ist weiß wie der Schnee.

Es hasst meiner Schönheit
Unschuldige Zier;
Wenn ich spät noch vorbeigeh’,
So zankt es mit mir.

Jüngst, als ich im Mondschein
Am Waldwasser stand,
Fuhr sie auf ohne Schleier,
Ohne alles Gewand.

Es schwammen ihre Glieder
In der taghellen Nacht;
Der Himmel war trunken
Von der höllischen Pracht.

Aber ich hab’ entblößet
Meine lebendige Brust;
Da hat sie mit Schande
Versinken gemusst!


Lustig, lustig, tralalalala

„Was möchtest du denn zu Weihnachten?“ ist eine Frage, die mich im Oktober in Schockstarre versetzt. Weihnachten? Ist das Jahr schon wieder rum? Und was möchte ich zu Weihnachten? Vor allem meine Ruhe, ein Wunsch, der nichts kostet, doch so wertvoll ist, dass er nie erfüllt wird.

Um den Schock zu verarbeiten, hab ich mal geschaut, was es denn Lustiges zu Weihnachten gibt.  Bei Gedichte für alle Fälle hat’s eine Liste mit den beliebtesten lustigen Weihnachtsgedichten. Dort führt Goethe mit einer Spötterei über die Heiligen drei Könige.

Nicht vertreten ist einer meiner Favoriten mit den schönen Zeilen „Denn morgen, morgen da gibt es was / Gesägte Ohren und Kopf ins Fass „. Ein Weihnachtsgedicht, das ein bisschen an Tim Burtons „Nightmare before Christmas“ erinnert. Und das ist wirklich ein Alptraum, sich im Oktober Gedanken über Weihnachten machen zu müssen.


Occupy Kindergeburtstag

Von der Occupy-Bewegung war letztes Wochenende viel die Rede.  Es wurde in Städten auf der ganzen Welt demonstriert, Plätze besetzt und die Journaille hatte was zu knabbern. Wofür oder wogegen diese Leute eigentlich sind, ist noch nicht klar, nur dass es so nicht mehr weiter geht, das ist einhelliger Standpunkt.

Bis auf wenige Ausnahmen verlief die ganze Angelegenheit in Deutschland friedlich unbestimmt, war bunt gemischt, ein Fest für Leute, die eine extrovertierte Ader haben und zur öffentlichen Selbstdarstellung neigen. Ein Kindergeburtstag gegen das, was in früheren Zeiten auf dem Spiel stand, wenn es in Deutschland auf die Straße ging. Dies  zeigt ein Gedicht von Georg Herwegh, der übrigens nicht nur ein Worteschmied war, sondern tatsächlich bewaffnet in den Freiheitskampf zog.

Georg Herwegh – Aufruf

Reißt die Kreuze aus der Erden!
Alle sollen Schwerter werden,
Gott im Himmel wird’s verzeihn.
Lasst, o lasst das Verseschweißen!
Auf den Amboss legt das Eisen!
Heiland soll das Eisen sein.

Eure Tannen, eure Eichen –
Habt die grünen Fragezeichen
Deutscher Freiheit ihr gewahrt?
Nein, sie soll nicht untergehen!
Doch ihr fröhlich Auferstehen
Kostet eine Höllenfahrt.

Deutsche, glaubet euren Sehern,
Unsre Tage werden ehern,
Unsre Zukunft klirrt in Erz;
Schwarzer Tod ist unser Sold nur,
Unser Gold ein Abendgold nur,
Unser Rot ein blutend Herz!

Reißt die Kreuze aus der Erden!
Alle sollen Schwerter werden,
Gott im Himmel wird’s verzeihn.
Hört er unsre Feuer brausen
Und sein heilig Eisen sausen,
Spricht er wohl den Segen drein.

Vor der Freiheit sei kein Frieden,
Sei dem Mann kein Weib beschieden
Und kein golden Korn dem Feld;
Vor der Freiheit, vor dem Siege
Seh’ kein Säugling aus der Wiege
Frohen Blickes in die Welt!

In den Städten sei nur Trauern,
Bis die Freiheit von den Mauern
Schwingt die Fahnen in das Land;
Bis du, Rhein, durch freie Bogen
Donnerst, lass die letzten Wogen
Fluchend knirschen in den Sand.

Reißt die Kreuze aus der Erde!
Alle sollen Schwerter werden,
Gott im Himmel wird’s verzeihn.
Gen Tyrannen und Philister!
Auch das Schwert hat seine Priester,
Und wir wollen Priester sein!


Neuer alter Lesestoff

Auf dem Lyrik-Buchmarkt gibt’s immer was Neues. Seit der Erfindung von Books on Demand kann jeder Lyriker seine Werke selbst veröffentlichen, ohne ein armer Dichter dabei zu werden. Das ist allerdings neuer neuer Lesestoff, der mich nicht interessiert. Aus der Rubrik neuer alter Lesestoff gibt’s nun auch eine BoD-Veröffentlichung: Zum Reimen schön: Ein Jahr in Gedichten.

Über 270 Gedichte, sagen die Herausgeber, sind drin in dieser Lyriksammlung, viele alte Bekannte, aber auch einiges, was neu ist, weil vergessen. Die Idee ist einfach: Die Gedichte sind thematisch auf zwölf Monate des Jahres verteilt. Da nur Jahreszeiten- oder Feiertagsgedichte langweilig wärenn, werden witzige Gedichte, Liebesgedichte und Gedankenlyrik passend eingestreut.

Zusammen ergibt das eine gut lesbare Mischung, auch schön illustriert. Als Jahresbegleiter sicher eine inspirierende Sache.


Die Romantiker und die Liebe

Scheint das nicht die ideale Verbindung zu sein, die Romantiker und die Liebe? Anscheinend nicht, wie eine Sammelstelle für die Liebesgedichte der Romantik mittteilt:  „Die Dichter der Romantik waren nicht unbedingt romantisch.“

Es stellt sich heraus, dass Romantik und Romantik nicht dasselbe sind. Die Romantik als Literaturepoche mit Dichtern wie Eichendorff, Armin/Brentano, Lenau und Heine war ein Aufstand gegen das Rationale. In der Liebe und den Liebesgedichten sind die schmerzhaften Erfahrungen genauso stark vertreten wie die himmlischen Gefühle. Um auf Nummer sicher zu gehen, findet man auf der erwähnten Website auch romantische Liebesgedichte aus allen Epochen. Denn man kann dem Internetnutzer des 21. Jahrhunderts kaum zumuten den Unterschied zwischen Romantik und Romantik zu kennen.


Politische Gedichte

Da ich den 3. Oktober  schon letztes Mal abgefrühstückt habe,  heute was über die Lage des politischen Gedichts im Internet. Die Lage ist: bescheiden.

Google spuckt zwar zuverlässig drei anständige Seiten aus, wenn man nach „Politische Gedichte“ sucht,  aber danach kommt nichts mehr und aktuell sind die schon gar nicht.

Beim Platz 1, Lyrik-Lesezeichen, wird der Bogen gespannt von Laotse bis Kurt Tucholsky. Die Gedichte werden freundlicherweise kommentiert, so dass man nicht allein mit der Politik steht.

Platz 2 bei den politischen Gedichten bietet keine Kommentare, dafür mehr Auswahl. Etwa 40 Gedichte, die in der Zeit von Ludwig Thoma, Kurt Tucholsky und Joachim Ringelnatz enden.

Der dritte Platz schließlich ist allein den Gedichten von unserm Nationalhymnendichter Hoffmann von Fallersleben gewidmet. Vormärz, wie man so schön sagt, also noch tiefer politischer Winter.

Immerhin kann man den alten Dichtern zugutehalten, dass sie manchmal zeitlos geschrieben haben. Politikverdrossenheit oder Politiker-Bashing hat’s vor 400 Jahren schon gegeben:

Friedrich von Logau (1604-1655)

Heutige Welt-Kunst

Anders sein und anders scheinen,
Anders reden, anders meinen,
Alles loben, alles tragen,
Allen heucheln, stets behagen,
Allem Winde Segel geben,
Bös- und Guten dienstbar leben;
Alles Tun und alles Tichten
Bloß auf eignen Nutzen richten:
Wer sich dessen will befleißen,
Kann politisch heuer heißen.