Vaterlandsverräter

Es gab nicht wenige Dichter, die als Vaterlandsverräter galten. Selbst viele von denen, die begeistert in den Ersten Weltkrieg zogen, dichteten recht bald unpatriotisch. Da mit dem 3. Oktober der große deutsche Staatsfeiertag näher rückt, ist es an der Zeit daran zu erinnern, wer die größten Vaterlandsverräter unter den Dichtern waren.

Deutschland? aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden,
Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.

Sind das nicht freche Zeilen von Hinterstubendenkern? Oder:

Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens;
Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.

Ja, ja, das riecht verdächtig nach Intellektuellen, denen das patrotische Gefühl abgeht.  Und wer sind diese Leute? Nun, sie sind lang tot und vergessen, heißen Schiller und Goethe und schrieben diese Zeilen in einem gemeinsamen Machwerk namens „Xenien“.

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In Erinnerung an Robin Meyer-Lucht

CARTA meldet den Tod von Robin Meyer-Lucht. Wie das im Internet so ist: Persönlich habe ich ihn nicht gekannt, doch die Art seiner Beiträge waren für mich eine Bereicherung, ein Grund, warum das Internet mir so wichtig ist jenseits der verstaubten Medienstrukturen.

Auch wenn jemand gestorben ist, den man eigentlich gar nicht kennt, das Leben fühlt sich auf einmal fremd an. Ich denke, Kurt Tucholsky passt hier ganz gut:

Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? vielleicht dein Lebensglück …
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hasts gefunden,
nur für Sekunden …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider;
Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück …
Vorbei, verweht, nie wieder.

Du musst auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
und zieht vorüber …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider.
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

Quelle: Lyrik-Lesezeichen


Das Weisheitszahnorakel

Etwas müde von der Arbeit, auf der Suche nach Unterhaltung, klicker ich hier, klicker ich dort und plötzlich starrt mir das Weisheitszahnorakel ins Auge. Vielleicht ist es auch andersrum, denn schon das Design ist ungewöhnlich: Der Inhalt sitzt in einem Kreis, die Navigation besteht aus kleinen Kreisen mit Spiegelschrift.

Die Funktionsweise des Orakels ist simpel. Man gibt Namen und Geburtsdatum ein und erhält dann seinen Spruch für den Tag. Das Spannende daran ist, dass diese Sprüche an Haiku angelehnt sind, also eigentlich nichts Konkretes über die Zukunft sagen, sondern in Bildern sprechen. Meins war: Blauer Himmel – / in Gedanken / dort oben kreisend

Zum Glück wird man mit diesem Spruch nicht allein gelassen, sondern es werden einige Deutungsvarianten gegeben. Meine eigene Deutung war, dass ich urlaubsreif bin. Dem kam die erste Deutungsvariante mit „Dieser Tag lädt zum Träumen ein“ recht nahe.

Fast vergessen: Das Weisheitszahnorakel gehört eher zu der bärbeißigen Sorte. Man muss sich drauf gefasst machen, erstmal angepflaumt zu werden, bevor es einen Spruch rausrückt. Richtig ernst wird es, wenn man verbotenerweise das Orakel ein zweites Mal am gleichen Tag befragen will. Da kann ich nur einen Helm empfehlen.


Auch früher hatte man es eilig: Kurz-Liebesgedichte

Früher war bekanntlich alles besser, das Leben nicht so hektisch, kurzatmig und aufgeregt wie heute.  Aber vielleicht ist nur die Vorstellung des Lebens in früheren Zeiten, die wir aus den Medien beziehen, von gepriesener Ruhe geprägt und das Leben war auch damals schon kein langsamer Fluss.

Diese steile These könnte man vertreten, wenn man sich anschaut, dass es die Dichter auch früher recht eilig mit Liebesgedichten hatten. So enthält eine Kurzliebesgedichte-Sammlung aus bevorzugt älteren Werken alles, was Rang und Namen in der Lyrik hat:  Goethe, Geibel, Rückert, Storm, Wedekind, Schiller und so weiter und so weiter und am Schluss steht Heine, dem gleich eine eigene kleine Extra-Sammlung gewidmet ist.

Ein paar Gedichtausschnitte sind auch dabei. Es wurde also etwas geschummelt, aber: „Es drängt die Not, es läuten die Glocken, / Und ach! ich hab den Kopf verloren!“, wie Heine mal schrieb. Und kopflos ist schwer lang dichten – da hat sich im Laufe der Jahrhunderte nicht viel dran geändert.


Das Auge und wie es die Welt sieht

Das Buch sieht so heimelig harmlos aus. Es ist eine alte Gedichtsammlung aus dem 19. Jahrhundert, Elise Polko: Dichtergrüße. Und doch ist man ganz plötzlich mittendrin in einer modernen philosphischen Diskussion, was Realität ist, wenn sie überhaupt ist:

Emil Rittershaus, Das Auge

Die Welt ist eine große Seele,
Und jede Seele eine Welt;
Das Auge ist der lichte Spiegel,
Der beider Bild vereinigt hält.

Und wie sich dir in jedem Auge
Dein eignes Bild entgegenstellt,
So sieht auch jeder seine Seele,
Sein eignes Ich nur in der Welt.

Vielleicht lese ich das Gedicht falsch, vielleicht lese ich das Gedicht aber auch nur so wie ich es lesen kann. Das wäre dann im Sinne des Radikalen Konstruktivismus.  Eine philosophische Richtung, die in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts aufkam. Da sage noch einer, Gedichtelesen wäre ein Ding der Vergangenheit.


Herbstgedichte

Es wird Zeit, sich an fallende Blätter und stürmische Winde zu gewöhnen:  Der Herbst ist im Anmarsch. Obwohl bei diesem komischen Sommer würd’s mich nicht wundern, wenn noch mal eine Zwei-Tage-Hitzeperiode käme.  Wie dem auch sei, lyrisch sollte man vorbereitet sein. Daher mein Blick zu den beliebtesten Herbstgedichten bei Gedichte für alle Fälle:

1. Friedrich Hebbel
Herbstbild
Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum, …

2. Rainer Maria Rilke
Herbsttag
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los …

3. Charlotte von Ahlefeld (1781-1849)
Im Herbst
Wie mit Flor bezogen ist der Himmel,
Graue Nebel sinken feucht und schwer,
Und der Raben hungriges Gewimmel
Zieht auf Stoppelfeldern hin und her …

Und auf den Plätzen folgen Storm, Fontane, Eichendorff und andere.

So richtig ein Begriff ist mir die Dame von Ahlefeld nicht, die es immerhin geschafft hat, wesentlich bekanntere Dichter abzuhängen. Ein paar zusätzliche Gedichte von Charlotte von Ahlefeld finden sich bei Gedichte für alle Fälle.  Sie scheint eher bei den etwas melancholischeren Dichtern angesiedelt zu sein. Eine Chronologie ihres Lebens hät zeno.org bereit, wo man nachlesen kann, dass sie in ihrer Ehe mit dem Herrn von Ahlefeld anscheinend nicht allzu glücklich war.


SMS-Gedichte

SMS-Gedichte? Ist es nicht eine Perversion der großen Dichtkunst, Gedichte in 140 Zeichen zu quetschen? Nein, ist es nicht. Selbst Dichter, die das Aufkommen des Mobilphones um ein oder zwei Jahrhunderte verpasst haben, schrieben schon Gedichte, die auf so einen Minibildschirm passen. Das beweist eine kleine Sammlung von SMS-Gedichten beim Lyrik-Lesezeichen.

Sortiert nach Empfängern bzw. Anlässen wurden alte Gedichteschätze geplündert, wobei manchmal doch einem längeren Text ein Vierzeiler herausgerissen wurde.  Aber ist es nicht eher Beweis für die Göße eines Dichters, wenn eine Strophe allein lebensfähig ist? Es gibt Freundschafts- und Liebesgedichte abzustauben, auch an Geburtstag, Hochzeit, Weihnachten und Neujahr wurde gedacht.

Doch nicht nur die SMS-Gedichte sind eine Attraktion, auch der Text drumherum kann sich lesen lassen. Ich hab selten so ein spinnertes Zeug auf einer Lyrikseite zu Gesicht bekommen. Der Text beginnt:  „Ja, hallo, tut uns leid, wir bekennen uns schuldig:  Hier gibt es gar keine SMS-Gedichte. Diese Seite soll nur unschuldige, rehäugige Handynutzerinnen anlocken, um sie lyriksüchtig zu machen. Wir entschuldigen uns in aller Form. Leben Sie wohl. “ Anschließend werden die Leserabwehrversuche immer weiter getrieben bis es dann doch zu Sache geht.   Ein Spaß für alle Daumen.