Die Sache mit dem Metrum

Wie erkennt man das Metrum? Das ist so ähnlich wie mit dem Fahrradfahren oder Schwimmen: Wenn man es einmal kann, vergisst man es nicht wieder und weiß nicht mehr, wie es war, als man es nicht konnte. Ich probiere mal an einem Beispiel zu zeigen wie es gehen kann. Vielleicht hilft es dem einen oder anderen.

Trüb verglomm der schwüle Sommertag,
Dumpf und traurig tönt mein Ruderschlag –
Sterne, Sterne – Abend ist es ja –
Sterne, warum seid ihr noch nicht da?

Das ist eine Strophe aus Conrad Ferdinand Meyers Gedicht „Schwüle“ (Quelle: Freiburger Anthologie)

Da 80-90% der älteren Gedichte ein regelmäßiges Metrum haben, schlage ich die Dreisilben-Methode vor: Man nehme die ersten drei Silben und überbetone sie in allen möglichen Varianten. Also: 1 TRÜB verGLOMM, 2 trüb VERglomm, 3 TRÜB verglomm, 4 trüb verGLOMM. Ich denke, hier ist Variante 1 knapp gefolgt von Variante 3 Favorit. Nimmt man jetzt die nächsten drei Silben dazu, bliebt nur Variante 1 übrig, weil bei „der schwüle“ die Hebung eindeutig bei „schwü-“ liegt. Variante 3 hätte somit drei Senkungen hintereinander, das wäre eine Riesenausnahme. Wir hätten also bisher folgendes Muster: TRÜB verGlomm der SCHWÜle oder als Symbole: XxXxXx, also ein Trochäus (Xx). Der Sommertag fügt sich nahtlos ein. Die erste Silbe ist betont, die dritte möglicherweise auch. Nimmt man den Reim aus den nächsten Zeile hinzu, dann ist es sogar ganz bestimmt. Ergebnis XxXxXxXxX, ein Trochäus mit fünf Hebungen. 

Dieses Ergebnis müsste jetzt an den folgenden Versen überprüft werden. In Vers zwei gibt’s da keine Probleme. Im dritten Vers ist der zweite Teil etwas schwach gehoben. Aber in solchen Fällen zieht man das Metrum einfach durch.

Interessant ist der letzte Vers. Die natürliche Betonung von „warum“ ist nicht eindeutig, man könnte die erste oder zweite Silbe betonen. Damit aber der Rest zum Metrum passt, muss man „WArum“ betonen.

Für weitere Metrumstudien empfehle ich „Am Anfang war der Takt„, wo eine Eichendorff-Strophe in aller Ausführlichkeit seziert wird. Ergebnis ist ein Jambus, also das passende Gegenstück zu dem Beispiel hier.

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Harte Probe: Muttertagsgedichte

Da die Mutter aller Tage nicht mehr fern ist, habe ich mich nach verwendungsfähigen Muttertagesgedichten umgeschaut. Es ist das Übliche: Altes, aber freies Zeug, nett gemeintes, aber schlecht gereimtes von Hobbydichtern und ab und an was Brauchbares oder sogar eine kleine Perle. Da die Ansprüche und Geschmäcker sehr verschieden sind, mache ich hier keine Sammlung auf, sondern eine kurze Liste mit brauchbaren Seiten:

Sprüche zum Muttertag Eine kleine Sammlung mit annehmbaren Kurzgedichten eingebettet in eine Grußkartenseite. Kann man also gleich verschicken.

Gedichte und Sprüche zum Muttertag Hier hat Anita Menger ihre Texte zum Muttertag platziert. Es ist recht herzlich, aber auch ordentlich geschrieben.

Muttertag Gedichte Auf drei Seiten verteilt fängt es an mit ein paar alten Stücken, um sich dann etwas moderner auf Sprüchekürze vorzuarbeiten.

Muttertagsgedichte  Die beliebtesten Muttertagsgedichte bei Gedichte für alle Fälle. Wer auf alte Dichter steht, findet hier, was andere mögen, die auf alte Dichter stehen.

Ein Gedicht will ich dann aber doch bringen, weil es erstens eine Prise Humor enthält, was bei Muttertagsgedichten anscheinend verboten ist, und eine kleine metrische Feinheit, etwas was ich zunehmend mag:

Alles Gute zum Muttertag
Bleib gesund und bleibe stark
Mach um mich dir keine Sorgen
Unkraut wächst heute wie morgen

Autor: Hans Retep

Die Feinheit steckt in der letzten Zeile. Hier produziert „Unkraut wächst heute“ einen Hebungsprall zwischen „wächst“ und „heute“, was ganz wunderbar zur Eigenschaft des Unkrauts passt, sich ohne Rücksicht auf Verluste überall empor zu recken.


Das Gedicht Wünschelrute lesen

Das Gedicht Wünschelrute von Joseph von Eichendorff ist vielen Leuten bekannt. Es ist das Gedicht mit dem Zauberwort:

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

Und obwohl dieser Blog Gedichteleser heißt, so ausführlich wie bei dieser Interpretation habe ich noch nie ein Gedicht gelesen. Da wird fast jedes Wort durchleuchtet, der Klang bis hinunter zu den Vokalen und Konsonanten seziert. Und man erfährt wirklich interessante Sachen: Das Zauberwort z.B. ist wahrscheinlich nicht als einzelnes Wort gemeint, sondern als Zauberspruch. Auch das Lied aus der ersten Zeile wurde zu Eichendorffs Zeit als Gedicht verstanden. Ebenso kann singen ein Gedicht schreiben heißen. In diesen vier Zeilen steckt mehr als man vermuten würde und manches bedeutet nicht das, was man als offensichtlich annimmt. Das Gedicht und seine Interpretation sind eine lohnenswerte Lektüre.


Gedichte zu Karfreitag

Natürlich gibt es auch Gedichte zu Karfreitag. Ich glaube, Ostern war eigentlich mal das wichtigere Fest für die Gläubigen, denn hier liegt der Kern ihres Glaubens: Kreuzigung – Wiederauferstehung – ewiges Leben. Das Angebot im Netz ist recht übersichtlich, ein angenehmes Thema ist der Karfreitag eben nicht.

Das Gesamtverzeichnis deutschsprachiger Gedichte hat einiges, wenn auch bei weitem nicht alles zum Karfreitag.

Gedichte für alle Fälle bietet quantitativ weniger, dafür aber eine größere Spannbreite in der Herangehensweise an diesen Tag. Ich sag nur: Kurt Tucholsky.

Die Seite Christliche Themen gibt Hobbydichtern einen Raum für ihre Gedanken zum Karfreitag. Interessant ist das schon, um mal zeitgenössisches Gedankengut zu diesem Tag zu lesen, sonst sind die Gedichte ja meist aus vergangenen Zeiten.


Doch

Und dräut der Winter noch so sehr
 Mit trotzigen Gebärden,
 Und streut er Eis und Schnee umher,
 Es muss d o c h Frühling werden.

Diese Strophe aus Emanuel Geibels Gedicht Hoffnung geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Das Gedicht steht an der Spitze einer kleinen Sammlung von Gedichten zum Frühlung, die teilweise sogar mit Interpretationen versehen sind. Und brauchen kann man es zur Zeit gut, da der Winter den Frühling noch mal vom Stuhl geschubst hat.

Gleichzeitig kommt mir in den Sinn, dass sicher kaum noch jemand den Namen Emanuel Geibel kennt. Gut, Wikipedia hat ihn natürlich in ihrer Sammlung, aber heute kann man sich kaum noch vorstellen, dass der Mann mal so etwas wie ein Literaturstar war. „Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus …“ dürfte wahrscheinlich die einzige Zeile sein, die noch im Gedächtnis ist, wobei man das wohl eher für ein Volkslied von einem unbekannten Verfasser hält.

Oft genug ist in Gedichten von Vergänglichkeit die Rede und Gedichte schreiben ist so etwas wie der Versuch, dieser Vergänglichkeit zu entkommen, und doch: Selbst Dichter, die zu ihren Lebzeiten hoch geehrt wurden, werden ganz schnell wieder vergessen. Ihr Werk reduziert sich in der literarischen Erinnerung auf wenige Texte. Vielleicht erinnert man sich bei Emanuel Geibel irgendwann nur noch an dieses „doch“ in der vierten Zeile. Eigentlich dazu verdammt wegen des Metrums in einer Senkung zu verschwinden, hebt es sich himmelhochjauchzend über die Hebungen dieser Zeile, ja über alle Hebungen der Strophe hinweg. Dieses „doch“ nimmt niemand mehr fort, nicht der Winter, nicht die Nachwelt. Es ist dieser winzige Funken Unsterblichkeit, dem Dichter nachjagen. Oft vergeblich, oft doch vergänglich, aber immer mit der Hoffnung „Es muss d o c h …“.


Fußball-Gedichte

Rechtzeitig vor der großen größten EM aller Zeiten bin ich noch mal aufgewacht und hab ein paar Gedichte über Fußball eingesammelt. Ein Klassiker ist Ringelnatzens Fußball (nebst Abart und Ausartung), der aber nicht wirklich vom Fach ist.  König Fußball hingegen ist mit Liebe zum Detail geschrieben von Roland Mildner. Der Ehrentreffer von Hans Retep beschreibt ein wahres Fußballwunder. Und mein letztes Fundstück ist eine WM-Momentaufnahme Vor dem Spiel von H.P. Kraus

Erwähnenswert wäre noch ein Heinz Erhardt-Fußballgedicht, das aber wahrscheinlich nur illegal im Netz steht.  Andere Versuche haben mir nicht so gefallen und Webseiten mit Pop-up-Werbung verlinke ich nicht.


Zur Erholung

Manchmal wird einem alles zu viel. Dies Gehetze und Gerenne, das Hoffen und Bangen, die Schmerzen und Widerstände. Dann ist es gut ein altes Gedicht zur Hand zu haben, das den Geist erholt. Zu diesem Behufe eine Ausgrabung aus dem Werk von Otto Julius Bierbaum (1865-1910):

Alter Glückszettel

Zwischen Hetzen und Hasten,
In Lärmen und Lasten,
Von Zeit zu Zeit
Mag gerne ich rasten
In Nachdenklichkeit.
Fliege, mein Denken, zurück, zurück,
Suche, suche: in heimlichen Ecken
Dämmerbrauner Vergangenheit
Mag wohl von verklungenem Glück
Blinkend ein Blättchen stecken…
Und ich suche in meinem Andenkenkasten.
Zwischen Bändern und Briefen,
Die lange schliefen,
Aus trockenen Blumen und blassen Schleifen
Will ich mir was Liebes greifen.
Da fand einen Zettel ich, bleistiftbeschrieben,
Der hat mir die Wärme ins Herz getrieben.
Was stand denn da?
Von meiner Hand:
„I mag Di gern leid’n. Du: Magst Du mi aa?‘,
In schmächtigen Zügen darunter stand:
„Ja.“

In Lärm und Last,
In zager Zeit
War mir ein Gast
Aus Glückseligkeit
Dies kleine „Ja“ der Vergangenheit.

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